Michael Bette

Fragile Ordnungen 

 

 

Michael Bettes Gemälde stellen Zeichen vor Augen - prägnant, vertraut irgendwie, kurz vor der Entzifferung, so scheint es dem Betrachter. Ornamente in einer Zeit, in der das Ornament nur noch als Zitat erlaubt ist, eine barocke Fülle, bewältigt in versachlichter Form, aber doch in aufregenden Farben, die das Bildgeviert aufbrächen, wären sie nicht genau ausbalanciert, miteinander/gegeneinander. Eine Spannung ist in Bettes Bildern, die nicht aufhört, solange der Betrachter im Bild bleibt, den Zeichen folgt, keines wie das andere und doch verwandt, mal im verspielten, mal im schroffen Rhythmus sich voneinander absetzend, kämpfend vielleicht, ähnlich den Figuren im Kabuki Theater, das Bette 2001 in Singapur kennen lernte und das ihn begeistert hat.

"Ein Kaleidoskop autonomer Chiffren" sagt Antje von Graevenitz über diese Bilder, die Zeichen bilden Räume, Zwischenräume, die den Grund verunsichern, keine Zufälligkeiten darin, vielmehr musikalisch-kompositorische Strenge. Die Töne sind Farben. Tonigkeit: an ihr lassen sich für Michael Bette bedeutsame Ortswechsel nachvollziehen, auch atmosphärische Einwirkungen der Umgebung auf die Wahrnehmung, die Stimmung. Im letzten Jahrzehnt seines künstlerischen Schaffens ist Bettes Farbpalette kräftiger geworden, radikaler. Die Ausbalancierung wird zu einer Gratwanderung.

 

Früh schon hatte Michael Bette Kontakt zu Heinz Mack und Otto Piene, Künstlern des Zero, die ihn faszinierten. Studiert hat er in Düsseldorf bei einem der wichtigsten Vertreter des Informel, Gerhard Hoehme. Ein produktiver Konflikt, in dern er geriet: Objektivitätsanspruch einerseits und malerische Geste, die streng auf Subjektivität beharrt, andererseits. Für Bette bildete dies die Grundlage für die Spannungen, für die sein Werk bekannt ist: die Spannung zwischen dem impulsiv-intuitiv gesetzten Zeichen und seiner im Reflexionsvorgang gewonnenen und damit verbindlichen Form, die immer schon den Drang zur Veränderung in sich trägt.

 

Früher gingen seine Zeichnungen den Gemälden vorraus, tagebuchartige Aufzeichnungen mit flüchtigem Charakter, die auf der Leinwand verbindlich und mit Farbe zur Entfaltung gebracht wurden. Heute trägt Bette die Zeichen direkt auf die Leinwand auf, doch voraus geht die Idee der Farbe, aus der heraus sich die Zeichen entwickeln, ihre jeweils eigene Grammatik entfalten.

 

Kafkas quälende Lust "die Dinge zu sehen, wie sie sich ergeben mögen, ehe sie sich zeigen" rückt nahe angesichts der Bilder Michael Bettes. Der Betrachter begegnet den Dingen vor ihrer Festlegung in Bezeichnungen.

 

 

Dr. Elisabeth Wagner

Humboldt-Universität zu Berlin